Schule und Ritual

Mein Interesse an Ritualen im Erziehungssektor entstand zu der Zeit, in der ich als Erzieher in Deutschland arbeitete. In vielen Situationen verlangten meine KollegInnen von Kindern, dass sie sich in einer Zweierreihe aufstellen, bzw. dass sie sich in dieser Formation durch die Welt bewegen. Ich fand die Gründe, die die KollegInnen dafür anführten, nicht stichhaltig. Diese bezogen sich in der Regel auf Fragen der Sicherheit. Bei näherer Betrachtung machten diese Begründungen jedoch wenig Sinn.

Die gleichen Kinder, die um 14 Uhr in einer Zweierreihe durch die Ringstrasse, die Königinnen-Allee und die Eduardstrasse laufen, beaufsichtigt um Personen- und Sachbeschädigungen vorzubeugen, laufen dann um 15 Uhr durch die Eduardstrasse, die Königinnen-Allee und die Ringstrasse, diesmal unbeaufsichtigt, auf ihrem Weg nachhause nach Schulschluss, und das: jeden Tag (!) – ohne eine Spur der Zerstörung oder des Chaos hinter sich zu lassen.

An einem bestimmten Punkt entschied ich mich, das Phänomen der Zweierreihe als Thema einer genaueren Analyse aufzugreifen. Mittels des Werkzeugkasten von Michel Foucault, sowie Materialien mit psychoanalytischem Hintergrund war es möglich, die Dynamik innerhalb institutioneller Erziehungsanstalten zu erklären, die dazu führt, dass die Zweierreihe auch heute noch gängige Praxis ist. Ich fand, dass die Zweierreihe am besten als eine ritualisierte Praxis zu verstehen ist. Als solche ist sie verbunden mit der Erzeugung, Aufrechterhaltung, Herausforderung und Reform, mithin der Verhandlung von Machtbeziehungen. Diese Studie ist noch erhältlich über diesen Link.

Allerdings ist die Zweierreihe nicht die einzige ritualisierte Praxis in institutioneller Erziehung. Bei näherem Hinsehen wird offensichtlich, dass darin eine bemerkenswerte Anzahl ritualisierter Aktivitäten zu beobachten sind. Meine Versuche über die Jahre hinweg, diese zum Thema gemeinsamer Reflektion mit KollegInnen zu machen erwiesen sich als schwierig.

Auch nach meiner Übersiedlung nach Irland blieb dieser Themenkomplex für mich aktuell. Ähnlich wie in Deutschland fand ich in irischen Schulen vielerlei ritualisierte Aktivitäten; und ähnlich wie in Deutschland war es auch hier schwierig, diese mit LehrerInnen zu diskutieren.

Vor diesem Hintergrund entwickelte ich das Konzept für ein Studienprojekt zu Reflektionsprozessen von LehrerInnen zu Ritualen in Schulen. Diese Untersuchung wurde zwischen 2010 und 2013 mit LehrerInnen an Grundschulen in Irland und Deutschland durchgeführt. Als Resultat der Untersuchung entstand ein Buch, das in englischer Sprache veröffentlicht wurde: Negotiating Legitimacy – Rituals and Reflection in School.