Themenüberblick

Negotiating Legitimacy – Rituale und Reflektion in Schulen

Ritualanalyse ist ein wenig genutztes Instrument im Erziehungsbereich. Das ist bedauerlich. Das Potential von Ritualanalysen als Grundlage der Beschäftigung mit der Praxis in Erziehungsinstitutionen ist immens. Werden konzeptionelle Ideen der Ritualanalyse zum Ausgangspunkt gemacht, so ist es möglich sich tiefgehend mit Themen wie (soziale) Ordnung, Normen, Wertsysteme, Überzeugungen, Machtstrukturen auseinanderzusetzen; allesamt Themen, die essentiell mit institutionalisierter Erziehung verbunden sind. In diesem Sinne ist Ritualanalyse als ein Werkzeug für die Reflektion erzieherischer Praxis anzusehen.

Im Zuge meiner Untersuchung fand ich, dass die international zugänglichen Beiträge zu Ritualen im Erziehungsbereich nur wenig Zusammenhang aufwiesen. Insbesondere der Mangel an gegenseitigen Bezugnahmen von englischsprachiger und deutschsprachiger Literatur stellt einen entscheidenden Mangel dar. In meinem Buch gebe ich einen umfassenden Überblick der theoretischen Instrumente, die für Ritualanalyse im Erziehungsbereich vorgeschlagen werden.

Meine Studie beinhaltete ein vergleichendes Element. LehrerInnen an irischen Grundschulen, deutschen Grundschulen (Regelschulen), sowie an Freien Alternativschulen nahmen daran Teil. Die Freien Alternativschulen boten ein Umfeld, in dem die soziale Ordnung auf radikal-demokratischen Konzepten ohne formale Hierarchien beruht. Hier sind Kinder keinem fest vorgeschriebenen Curriculum verpflichtet, stattdessen sollen sie frei entscheiden, was sie wann, wo, mit wem, wie lange tun. Eine kurze allgemeine Beschreibung der Freien Alternativschulen ist im Buch mit eingefügt. Wer sich näher mit diesen Schulen befassen möchte, kann diesem Link folgen.

Die drei unterschiedlichen Schultypen stehen für drei unterschiedliche rituelle Kulturen. Auch das wird im Buch beschrieben.

Da die Untersuchung sich intensiv mit Reflektionsprozessen von LehrerInnen befasste, war es notwendig auf ein theoretisches Konzept von Reflektion zuzugreifen. Bei einer Durchsicht von Literatur dazu fand ich unterschiedliche Ansätze. Reflektionsprozesse werden darin üblicherweise entlang einer von drei Kategorien eingestuft: Umfang (processual scale), Funktion (functional character), Orientierung (orientational character). Allerdings sind diese Modelle limitiert. Ich schlage daher vor, die Denkfiguren, die sich in den Konzepten von Reflektion finden, zu erweitern und den Charakter von Reflektion als sozialer Akt mit einzubeziehen.

Im Buch ist den konkreten Reflektionsprozessen der LehrerInnen zu ritualisierten Aktivitäten in der pädagogischen Praxis ausführlich Raum gegeben. Sie werden darin mittels des Modells „Reflektion als sozialer Akt“ ausgewertet. Diese Reflektionsprozesse sind am besten zu verstehen als Verhandlungen der Legitimität der Definition, des Ausdrucks und der Gestaltung von Realität.

Institutionelle Erziehung ist zutiefst von ritualisierten Aktivitäten durchzogen. Wie in jedem anderen sozialen Zusammenhang verändern sich die entsprechenden Praxen durch mimetische Prozesse fortlaufend. Strategische Eingriffe in Verhandlungen von Machtbeziehungen mittels Ritualisierungen (unter Vermeidung explizit sprachlicher Kommunikation und Erklärung) finden ständig statt. Sie können sowohl von SchülerInnen als auch von LehrerInnen ausgehen, aber auch von Eltern, RektorInnen, schlichtweg von allen Personen, die im Feld körperlich präsent sind. Jeder dieser Eingriffe beeinflusst die Praxis.

Alternativen können und sollten jedoch mehr sein als Veränderungen, die blind gegenüber logischen Erwägungen initiiert werden. Eine kritische Analyse von Ritualen in Schulen führt unweigerlich in eine Beschäftigung mit dem institutionellen Charakter von Schulen, deren historischen Wurzeln und Entwicklungslinien, sowie deren momentaner Position in der Gesellschaft. Die Frage nach kritischer Reflektion ist in einem eigenen Kapitel im Buch angesprochen. LehrerInnen finden sich innerhalb der Institution in einer zentralen Position. Ihre Praxis erst macht Schule real. Die Offenheit für kritische Fragen zu dieser Praxis in ritualisierten Aktivitäten in Schulen, und das Suchen nach Antworten darauf eröffnet einen Weg für bewusst angegangene Veränderungen.